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4 Dorfspiegel Dietlikon

4 Dorfspiegel Dietlikon Kurier Nr. 44 31.10.2019 Ein Porträt über die Artisten Scacciapensieri Der steinige Weg zum Erfolg Nomen est Omen: Die Dietliker Scacciapensieri, zu Deutsch «die Sorgenvertreiber», haben auf ihrem Lebensweg schon einige Hindernisse überwunden. Wie das Duo trotz vieler Widerwärtigkeiten seinen Traum umsetzte. Yvonne Zwygart Kennengelernt haben sich Lorenz Matter und Cornelia Clivio im Sommer 1990 in Rom an der Zirkusschule Colombaioni. Lorenz war damals 21, Cornelia 27 Jahre alt. Beide sind in der Schweiz aufgewachsen, Lorenz in Wohlen im Aargau und Cornelia in Zürich. Beide waren fasziniert von Akrobatik und der Artistik, wie man sie im Zirkus bestaunen kann. 1990 hatte Cornelia ihr Romanistikstudium erfolgreich abgeschlossen und war ausgebildete Gymnasiallehrerin in den Fächern Italienisch und Französisch, während Lorenz gerade seine Matura gemacht hatte. Wegen seinen überbeweglichen Schultern hatte Lorenz keine idealen Voraussetzungen für Sport. Er machte vorerst Orientierungslauf und Marathon wie sein Vater, bekam dann aber wegen Knieproblemen ein Sportverbot für vier Jahre. Fahrradfahren war das einzige, was die Ärzte ihm erlaubten. Und da Lorenz immer auf dem Hinterrad Velo fuhr, schenkte seine Mutter ihm zum Trost ein Einrad, damit er sich doch noch sportlich betätigen konnte. Einradfahren – schnell gelernt Angetrieben durch die Bemerkung seines älteren Bruders, dass er das Einradfahren nie lernen würde, brachte Lorenz es sich am frühen Morgen in einer halben Stunde bei, noch bevor sein Bruder aufgestanden war. Dabei erkannte Lorenz an sich das Talent für Sportarten, in denen das Gleichgewicht zentral ist. Er trainierte von diesem Tag an täglich mit dem Einrad. Dies führte ihn später bis zu den Einradweltmeisterschaften nach Minnesota (USA). Doch vorerst studierte er nach der Matur Physik an der ETH Zürich, um nach Abschluss des Studiums das Elektronikunternehmen seines Vaters mit 40 Mitarbeitenden zu übernehmen. So war das eigentlich zu Beginn geplant, da er der einzige in der Familie war, der Begabungen für Mathematik und Physik mit sich brachte. Seine Leidenschaft für die Akrobatik und Artistik jedoch war ungebrochen. So entschied er sich, in den Sommerferien nach Rom zu reisen, um dort einen Theater- und Zirkuskurs zu besuchen. Dort traf er Cornelia, seine zukünftige Frau. Das Leben immer auf Achse war anstrengend, aber eine Pause lag nicht drin. Cornelia hingegen hatte es nicht ganz so leicht wie Lorenz, ihr Ziel zu erreichen. Ihr Vater war in der Erziehung seiner drei Kinder sehr streng und eher konservativ eingestellt. Er war der Meinung, dass man mit Akrobatik ganz sicher «brotloser Künstler» werden würde – und das wollte er für seine Tochter auf keinen Fall. Ihre Mutter verstand die Leidenschaft der Tochter für die Bühne, traute sich aber nicht, sich gegen ihren Mann zu stellen. Mit 16 Jahren bekam Cornelia von der Gotte zum Geburtstag einen Akrobatikkurs geschenkt – was für ein Geschenk! In der noch heute existierenden Zürcher Zirkus- und Theater-Schule Metzenthin besuchte sie zwei Semester lang einen Kurs und sog alles wie ein trockener Schwamm in sich auf. Sie übte Zuhause für sich weiter, lernte jonglieren, Handstand und Kopfstand, ohne dass jemand sie dazu angeleitet hatte. In der Schule durfte Cornelia während der Gymizeit den Theaterkurs besuchen. Die Aufführungen waren für sie der Höhepunkt des Schuljahres. Nach der Matur war klar, dass ihre Eltern ihr die Dimitrischule nicht bezahlen würden, denn diese kostete damals mehr als 6000 Franken im Jahr. So beschloss Cornelia, zu studieren und einen Beruf zu erlernen, um sich dann leisten zu können, was sie zutiefst im Herzen wollte. Im Unisport ASVZ belegte sie wohl mehr Sportstunden als Vorlesungen an der Uni… Leider wurde mit 21 Jahren aufgrund eines Geburtsfehlers Epilepsie bei ihr diagnostiziert, wogegen sie täglich Medikamente einnehmen musste. Cornelia durfte keinen Sport mehr machen, das war zu gefährlich, und das Autofahren war ebenso in weite Ferne gerückt. Nachdem die Krankheit medikamentös während mehrerer Jahre erfolgreich behandelt worden und das Studium abgeschlossen war, keimte in ihr erneut der Wunsch auf, sich der Akrobatik zu widmen. Ab nach Paris So beschloss Cornelia, endlich ihren Traum umzusetzen. Sie zog mit dem Geld, das sie sich mit Unterrichten während der Studienjahre verdient hatte, nach Paris an die Theaterschule Philippe Gaulier und an die Zirkusschule Fratellini. Sie musste bescheiden leben: Im Zimmer konnte man entweder vor dem Bett stehen oder auf dem Bett liegen. Das WC erreichte man über den Hof. Die Dusche in der Zirkusschule war sommers wie winters unter freiem Himmel. Wann immer Lorenz es während seines Studiums möglich machen konnte, reiste er am Wochenende nach Paris. Dort sammelte das Duo erste Erfahrungen mit Strassenauftritten.

Kurier Nr. 44 31.10.2019 Dorfspiegel Dietlikon 5 Lorenz und Cornelia waren sehr stolz, als die Hutgage für das günstigste Menü im Restaurant ausreichte. Nach einem Jahr in Paris waren Cornelias Ersparnisse aufgebraucht und es ging zurück in die Schweiz, wo sie neben Italienisch- und Französischunterricht pickelhart jeden Tag sechs Stunden zusammen mit Lorenz trainierte. Er hatte inzwischen das Studium abgebrochen, um sich voll auf die Akrobatik zu fokussieren. Als «Duo Scacciapensieri» traten sie am Theaterspektakel und verschiedenen Strassenfestivals im Ausland auf. Nach ein paar Auszeichnungen wurden Agenturen auf sie aufmerksam und es folgten Auftritte in Deutschland und in Österreich. In der Schweiz gestaltete es sich mit Anfragen zunächst harzig, bis sie 1993 den Kleinen «Prix Walo» gewannen. Von der Langstrasse in Zürich nach Dietlikon 1999, nach zehn Jahren Leben in einer Altwohnung an der Zürcher Langstrasse, fanden sie endlich, wonach sie gesucht hatten: Wohnraum kombiniert mit einem eigenen Trainings- und Proberaum plus dazu noch ein Kellerabteil mit Warenlift – der ideale Wohnort für Artisten mit schwerem Material. Dank der «Loft Am Bach» konnten sie die preisgekrönte und äusserst erfolgreiche Theaterproduktion «Stage TV» mit Romano Carrara auf der Bühne und Daniela Lager im Fernsehen lancieren. Es war weltweit die erste Show, welche Multimedia mit Artistik verband. Nach einem Auftritt an der Kulturbörse Freiburg wurden die Künstler mit Anfragen und Engagements nur so überhäuft. Nach 500 Auftritten im In- und Ausland produzierten sie mit Beamertechnik die zweite Show «coloro». Der Name «coloro» setzt sich aus den ersten Silben der drei Artistenvornamen Cornelia, Lorenz und Romano zusammen. Zudem erinnert er an «Farbe» – drei Lichtmaler in weissen Overalls zauberten Effekte auf die Bühne, die zuvor noch nicht einmal im Cirque du Soleil zu sehen waren. Nachdem sie 15 Jahre lang Tag für Tag sämtliche Trainings und Auftritte miteinander durchlebt hatten, heirateten sie 2004 offiziell – im März 2005 kam Tochter Irina zur Welt. Die Show «coloro» war mittlerweile sehr erfolgreich. Zahlreiche Auftritte im Ausland waren geplant, so auch eine Tournee in Japan. Hartes Tourneeleben Das Leben immer auf Achse war anstrengend, aber eine Pause lag nicht drin, die Verträge für die diversen Engagements waren unterschrieben. Genau da hinein erhielt Lorenz die Diagnose «Lymphdrüsenkrebs», und zwar bereits im letzten Stadium mit Ablegern im Rückenmark. Monate zuvor schon hatte er gespürt, dass etwas mit ihm nicht stimmte: Er hatte Muskelzittern, litt unter Reizhusten und hatte eine Anämie, das heisst, das Rückenmark produzierte zuwenig rote Blutkörperchen. Wegen einer zunächst falschen Diagnose – der Arzt tippte auf «Pfeiffersches Drüsenfieber» – wartete Lorenz darauf, dass die Beschwerden abnehmen würden. Doch bei einem weiteren Arztbesuch wurde nach einer PET Untersuchung bestätigt: Es war «Morbus Hodgkin», also Lymphdrüsenkrebs. Dies war ein grosser Schock für alle! Neben dem Gesundheitsausfall kam das finanzielle Fiasko, da die Künstler über 300 000 Franken in die neue Show coloro investiert hatten und nun alle Engagements und die ganze Tournee abgesagt werden musste. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, gesellte sich bei einer Untersuchung noch der Befund eines Aneurysmas an der Aorta, der Hauptschlagader des Körpers, hinzu. Platzt dieses mit Blut gefüllte, verstopfte Gefäss – das Aneurysma –, verteilt sich das Blut binnen kurzer Zeit im Körper und man verstirbt innerhalb von Sekunden – diesen Tod ereilte auch Lorenz’ Vater. Aber gerade jetzt zeigte sich der Kämpfer wieder in Lorenz: Egal, wie schlecht es um ihn stand, er wollte Irina aufwachsen sehen! Auf die nun folgende, ein halbes Jahr lang dauernde, hochdosierte Chemotherapie sprach er glücklicherweise gleich an. Während der kurzen Erholungspause nach der Chemo bis zur Herzoperation kämpfte er sich in die Akrobatik zurück. Cornelia, Lorenz und Romano nahmen mit «coloro» ein Engagement in Rom an, obwohl die Ärzte Lorenz jegliche physischen Anstrengungen untersagt hatten. Für ihn war nicht klar, ob er nach der Herzoperation je wieder würde Akrobatik machen können und so wollte er seine künstlerische Laufbahn im Rom beenden, wo er Cornelia kennengelernt hatte. Herz-OP erfolgreich verlaufen Doch die Operation durch den bekannten Herzchirurgen René Prêtre verlief sehr erfolgreich. Um Lorenz die Beweglichkeit zu erhalten, nähte Prêtre zum ersten Mal bei einer erwachsenen Person das Brustbein mit selbstauflösenden Fäden zusammen anstatt wie sonst üblich, die Wunde mit Metallklammern zu schliessen. Dies ermöglichte Lorenz den Weg zurück in die Akrobatik und auf die Bühne – bereits drei Monate später gratulierte Lorenz Prêtre in einer Videobotschaft im Handstand zu seinem Titel «Schweizer des Jahres». Vor zwei Wochen hatten Lorenz und Cornelia einen Akrobatik-Auftritt im Uni-Spital für einen Ärztekongress zum Thema «Rekonvaleszenz nach einer Herzoperation». Die Ärzte waren vor Bewunderung sprachlos. Zehn Jahre nach der Schockdiagnose meint Lorenz: «So wie wir unsere eigenen Sorgen immer wieder vertreiben müssen, so probieren wir, mit unseren Darbietungen auf der Bühne die Zuschauer ihre Alltagssorgen für kurze Zeit vergessen zu lassen!»

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